Ein Interview mit

MALISA LONGO

[ GERMAN | ITALIAN

Malisa, wie kamen Sie im Mai 1972 zu der Rolle der 'Italian Beauty' im Film 'The Way of the Dragon' ?
ML: Durch Vermittlung meiner Agentin. Bruce hatte mich verlangt, als er mein Foto in einem Journal sah. Sie suchten nach einer jungen Darstellerin mediterranen Typs, die bereit war sich zu entkleiden. Eine sehr kleine, aber wichtige Rolle, zumal ich die einzige Europäerin im Film war. Ohne großes Interesse ging ich zu dieser Verabredung. Da ich in etlichen Filmen bereits als Hauptdarstellerin agiert hatte, interessierte mich diese kleine Rolle eigentlich nicht sonderlich. Bruce Lee war ein Unbekannter. Niemand hatte Kenntnis von seinem großen Erfolg in Amerika.

Wie waren Ihre ersten Eindrücke, als Sie Bruce das erste Mal trafen?
Malisa betritt die SzeneML: Anfangs dachte ich, er sei eingebildet. Vorher musste ich mich allerdings zweimal mit den Vertretern der chinesischen Prokuktionsfirma treffen. Man wollte sich vergewissern, ob ich die gewünschte Ausstrahlung hätte. Sie erzählten, dass Bruce ein großer Star sei und außerdem die Nummer eins in den Kampfsportarten. Dann eröffneten Sie mir, dass Bruce mich in seinem Film haben wollte. Nach einer lebhaften Diskussion beschlossen sie, mich mit ihm bekannt zu machen. Ich nahm an, dass ihre Diskussion aufgrund meiner starken körperlichen Wirkung geführt wurde, denn erstmals sollten in einem Film von Bruce Nacktszenen gezeigt werden, und man war besorgt, dass sein Ansehen dadurch Schaden erleiden konnte.
- Das erste Mal traf ich ihn im Hotel Flora in der Via Veneto, wo er wohnte (die Via Veneto ist die bekannte Straße aus dem Film "La dolce vita" ["Das süße Leben"]). Ich entsinne mich daran, als ob es gestern gewesen wäre. Als er mich sah, schaute er schüchtern nach unten. Seine charismatische Ausstrahlung und die Keckheit, die er auf der Leinwand vermittelte, waren völlig verschwunden - er schien wehrlos. Vielleicht hatten ihn meine Körpergröße und meine herausfordernde Art eingeschüchtert? Aber mir war klar, dass ich ihm gefiel. Etwas unbehaglich schaute ich ihn stillschweigend an. Er lachte mich an, und so brach das Eis. Bald plauderten wir wie alte Freunde, obwohl mein Englisch damals recht bescheiden war.

Erinnern Sie sich an lustige oder außergewöhliche Momente am Set?
Malisa Longo und Nora Miao ML: Nun, bei der Arbeit war er ein ausgezeichneter Partner, ein harter Arbeiter, Berufssportler und Perfektionist. Der Film hatte kein großes Budget, und da er auch der Produzent war, musste er auf alle erdenklichen Kleinigkeiten und auch auf die Ausgaben achten.
Außerdem war der Zeitraum der Dreharbeiten in Rom sehr knapp bemessen. Zu knapp. Er wollte um jeden Preis an den wichtigsten historischen Schauplätzen drehen, um dies jedoch zu verwirklichen, hätte es zuvor verschiedenster Genehmigungen von Seiten der Kunstdenkmalämter bedurft. Deshalb wurden einige Szenen ohne Genehmigungen gedreht. Wir verhielten uns wie Touristen wie beispielsweise im Kolosseum, wo wir dem Wächter etwas Trinkgeld gaben, damit wir drehen konnten (das war damals noch möglich). Zudem muss ich sagen, dass die italienische Produktionsfirma, die ihm bei der Mitorganisation half, einfach fabelhaft war. Sie löste ihm jedes Problem. Bruce hatte jedoch klare Vorstellungen. Er war der Koordinator. Alles wollte er selbst entscheiden und machen. Um mich stets in seiner Nähe zu haben, wurde meine kleine Rolle zunehmend umfangreicher. Doch leider musste er diese Szenen beim Endschnitt entfernen. Die gedrehten Filmsequenzen wurden als 'zu heiß' beurteilt.
- Wir trafen uns auch außerhalb der Dreharbeiten. Es entwickelte sich bald mehr als eine Freundschaft. Aber er war sehr bedacht auf seine Gefühle und wollte keinen Klatsch aufkommen lassen, der unserem Ansehen Schaden konnte. Außerdem hatte er Angst in zärtlichen Situationen fotografiert zu werden. Auf jeden Fall wollte er kein Risiko eingehen. Ich war als aufstrebende Schauspielerin recht bekannt, doch um ihn kümmerte sich niemand. Dieser kleine Chinese war der Presse keine Nachricht, ja nicht einmal ein einziges Foto wert!

Wo wurden Ihre Filmsequenzen mit Bruce aufgenommen, und wie lange beanspruchten die Arbeiten in Rom?
Die Piazza Navona in ROMML: Die Aufnahmen in Rom wurden unterwegs im Stadtbereich gedreht. Danach im Kolosseum (der Kampf mit Chuck Norris), in Tivoli, in der Villa D´Este, und schließlich meine Sequenzen auf der Piazza Navona und im Hotel Flora. Trotz der kleinen Rolle dauerte meine Drehverpflichtung ungefähr drei Wochen. Bruce wollte mich stets zur Verfügung haben.

Gibt es Bilder aus dieser Zeit?
ML: Leider gibt es keine Privatfotos mit mir und Bruce aus jener Zeit. Die einzigen, die ich besitze, sind erfasste Einzelbilder aus dem Orginalfilm.

Bruce war ein grossartiger Cha-cha-cha Tänzer. Stimmt es, daß ihr miteinander getanzt habt?
ML: Ja das stimmt, er war ein ausgezeichneter Cha-cha-cha Tänzer. Einmal habe ich ihn rumgekriegt und wir gingen in ein Lokal zum Tanzen. Im Verlauf des Abends spielte der Disc Jockey schließlich auch ein Potpourri alter Tänze, wie Samba, Rumba und andere. Ich fragte Bruce, ob er tanzen wolle, doch er winkte ab. Also ging ich alleine auf die Tanzfläche. Etwas später folgte dem Medley ein Cha Cha Cha. Da ich den Tanz nicht gut konnte, hörte ich auf und ging zurück zum Tisch. Er erhob sich, fasste mich an den Seiten und führte mich zur Tanzfläche, um mir einige Schritte beizubringen. Es war eine angenehme Überraschung, er war wunderbar. Auch lehrte er mich die Köstlichkeiten der asiatischen Küche schätzen zu lernen. Ich erinnere mich, dass wir immer ins Ristorante 'La Giada' zum Essen gingen.

Wann haben Sie Bruce zum letzten Mal gesehen?
Bruce und Malisa ML: Nach diesem Film sah ich ihn nicht mehr. Nach seiner Abfahrt hörte ich ihn noch einige Male am Telefon. Nun war er ein großer Star und und bereits auf dem Sprung, ein Mythos zu werden. Im darauffolgenden Jahr, kurz bevor er starb, unterzeichnete ich einen Vertrag für drei Actionfilme italienisch-chinesischer Co Produktion, mit wichtigen Produzenten aus Hong Kong [Shaw Brothers], und man erwähnte, dass ich in einem dieser Filme den legendären Bruce Lee als Filmpartner hätte. Übrigens hatte er bereits am Anfang seiner Karriere für diese Produzenten und den Regisseur gearbeitet. Man sagte, er müsse einem alten Vertrag nachkommen. Ich sollte sofort nach dem Sommer beginnen ...doch dann kam der tragische Tod ...und alles zerplatzte in der Luft.

Wie hörten Sie von seinem Tod?
ML: Ich war in Rom und wurde telefonisch von einem chinesischen Freund, Yeo Ban Yee, benachrichtigt. Die italienischen Zeitungen räumten seinem Tod wenig Platz ein. Kinematographisch gesehen betrachtete man ihn als Schauspieler zweiter Wahl, auch wenn er im Kampfsport ein Mythos war. Als ich von seinem Tod erfuhr, überkam mich ein unbehagliches Gefühl, vor allem, als mein Freund seine beunruhigende Version der Ereignisse schilderte.

Was denken Sie heute über Bruce und wie erklären Sie sich dieses ungebrochene Interesse an seiner Persönlichkeit?
ML: Bruce ist ein Mythos, wo auch immer, und das aus gutem Grund. Keinem anderen mehr auf der Welt ist es gelungen das zu erreichen, was er erreichte. Ein kleiner Mann mit großer Kraft, nach außen, vor allem aber nach innen. Keinem ist es mehr gelungen, einen solch einzigartigen Stil zu kreieren. Außer ihm gelang es keinem anderen mehr, dieser doch manchmal recht brutalen Disziplin den Stempel der Reinheit zu verleihen. Spielend mit diesen 'Künsten', gelang es ihm, eine Legende zu schaffen. Ironie des Schicksals: Die sogenannten 'Kampfkünste' brachten ihm den Tod.

Malisa und Bruce im HotelzimmerErhielten Sie nach dem Erfolg von 'The Way of the Dragon' mehr Angebote als vorher?
ML: Nein. Dieser Film hatte keinen Einfluss auf meine Karriere. Es stimmt, "The Way of the Dragon" ["Die Todeskralle schlägt wieder zu"] war ein großer Erfolg, vor allem, nachdem "Five Fingers of Death" aka "King Boxer" [dt. 'Zhao der Unbesiegbare' mit Lo Lieh] herauskam. Doch diese Arbeiten waren stark an ein bestimmtes Genre gebunden, etwas für begeisterte Freunde des Actionfilms. Hätte ich die Rolle der Hauptdarstellerin bekommen, wäre es möglicherweise anders verlaufen, vielleicht wäre ich berühmt geworden, sicherlich im Ausland.
Sechs Monate nach Bruce´s Tod hatte ich zudem einen schweren Verkehrsunfall und musste für einige Monate pausieren. Dann nahm ich meine gewohnte Arbeit wieder auf. Doch meiner Filmkarriere hat dieser Film zweifelsohne keinen Auftrieb gegeben.
Wirklich schade!

Abschließend, an welchen aktuellen und zukünftigen Projekten arbeiten Sie gerade?
ML: Momentan arbeite ich an der Veröffentlichung meines zweiten Buches "Ali bagnate" ['Nasse Flügel'], das sich mit meinen persönlichen Erfahrungen im Internet beschäftigt. Kurz vor der Fertigstellung ist auch ein Buch mit Gedichten, die jedem Teil unseres Körpers gewidmet sind. Es hat den Titel "Il cantico del corpo" ['Gesang des Körpers']. Eines dieser Gedichte, "Labbra" ['Lippen'], ist bereits im Netz auf meiner Homepage zu lesen. Für die Zukunft verfolge ich weitere Projekte als Schriftstellerin, und sollte sich eine gute Rolle ergeben - wieso nicht?, auch als Schauspielerin.

GB: Malisa, Danke für dieses spannende Interview und alles Gute für die Zukunft!


B/W Photo courtesy of MALISA  LONGO
Pictures from the film 'The Way of the Dragon' - All rights by Fortune Star Entertainment Ltd.
© sidekick 2002 · Interview & Webdesign by Gaudenz Blaas / Related Link: 'Das Treffen von Sergio Martino mit Bruce Lee'