Das Treffen von

SERGIO MARTINO mit BRUCE LEE

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DER FOLGENDE TEXT IST TEIL EINER IN ARBEIT BEFINDLICHEN BIOGRAFIE DES AUTORS.

April 1973.
Gerade in jener Zeit überschwemmten chinesische Karatefilme Europa und Italien.
Im Sommer des Vorjahres hatte ich eine Produktion von Carlo Ponti gedreht, einen Thriller mit dem italienischen Titel: "I CORPI PRESENTANO TRACCE DI VIOLENZA CARNALE", der einen beachtlichen Publikumserfolg erzielen konnte.
Für den ausländischen Markt wählte man allerdings einen anderen Titel, "THORSO". Unter dieser Bezeichnung ist er international zweifellos bekannter, da er auch in Amerika ein großer Erfolg war.
Produktionsleiter war Tonino Cervi, der leider kürzlich verstorben ist.

Als der Film etwas später herauskam, äußerte Tonino Cervi bei Ponti den Wunsch, einen weiteren Film unter meiner Regie zu machen. Das von ihm verfasste Drehbuch spielte vor exotischer Kulisse und nahm die Figur des INDIANA JONES vorweg.
Ponti stimmte dieser Idee zu und dachte an Hong Kong und die Stars des Karate. Das Projekt hätte mit wenigen Änderungen auf Bruce Lee´s Charakteristiken zugeschnitten werden können, der durch seine Filme auch in Italien zunehmende Bekanntheit erlangte. Hier hatte allerdings in diesem Genre zu dem Zeitpunkt ein anderer, weniger talentierter Schauspieler den größten Erfolg (dessen Name mir entfallen ist, ebenso wie auch der Titel des Films).  [LO LIEH in 'Zhao der Unbesiegbare' = 'The Five Fingers of Death']

Carlo Ponti kontaktierte seinen Freund Run Run Shaw, den großen Filmmagnaten des asiatischen Kinos, einen der zwei Brüder der 'Shaw Brothers', mit Studios in Hong Kong und Singapur. Dieser stimmte der Idee einer Co-Produktion sofort zu, und wenige Stunden später flogen ich und Tonino nach Hong Kong.
Ich habe diese Reise eher als eine Studentenexkursion in Erinnerung und weniger als ein professionelles Unterfangen. Tonino war fröhlich und leutselig, allzeit zu Scherzen und schlagfertigen ironischen Antworten aufgelegt: ein wirklich angenehmer Reisegefährte. Die Arbeit in diesen dreißig Jahren hat uns des öfteren auf verschiedene Wege geführt, aber wenn sich die Gelegenheit zu einem Wiedersehen ergab, auch nach längeren Zeitabschnitten, erinnerten wir uns immer wieder gern an diese gemeinsamen Erlebnisse.
Es tut mir leid, dass wir nicht mehr zusammen lachen können.

Bei unserer Ankunft in Hong Kong fanden wir einen weißen Rolls Royce mit Fahrer vor, die uns der chinesische Produzent zur Verfügung gestellt hatte. Das Treffen mit Run Run Shaw fand noch am Abend der Ankunft statt. Er lud uns in ein sehr elegantes Restaurant ein, in dem folkloristische Tänze aufgeführt wurden. Es war äußerst anstrengend, bei der bedächtigen Musik und den allegorischen Tänzen bis tief in die Nacht auszuharren, und natürlich waren wir insbesondere aufgrund der Zeitverschiebung von sieben Stunden abgespannt und müde.

Run Run Shaw war ein sehr vornehmer und eleganter Herr, nachdenklich und maßvoll. In seiner Wesensart verband sich eine klare britische Erziehung mit der Abgeklärtheit der chinesischen Kultur. Während des Abends informierte er uns, dass wir Bruce Lee am Nachmittag des darauf folgenden Tages treffen würden. Bruce Lee war nicht mehr Teil seines Schauspieler-Teams. Damit wir ihn treffen konnten, musste Run Run Shaw die Genehmigung von Seiten des Konkurrenzunternehmens [Golden Harvest] einholen, für das Bruce inzwischen arbeitete. Die Shaw Brothers waren und sind ein Filmgigant in Hong Kong wie auch international. Ich verstand nur allzu gut, dass sie es vorgezogen hätten, diesen Film mit einem ihrer aufstrebenden Schauspieler zu besetzen, oder mit jenem, dessen Name mir entfallen ist, welcher aber damals in Italien einen großen Erfolg hatte.  [Lo Lieh]

Am darauf folgenden Tag machten wir vor dem Treffen mit Bruce, das auf 14 Uhr festgelegt war, einen Ausflug nach Kowloon und Hong Kong im komfortablen Rolls und mit einem Begleiter, der uns als Fremdenführer zur Verfügung stand.
Ich war bereits im Juni 1966 in Hong Kong gewesen, bei der Produktion einer James Bond 007 - Imitation mit dem Titel "Duello nel Mondo". Ich hatte keine besonders guten Erinnerungen an diesen Aufenthalt, wohl wegen des feucht-warmen Klimas und der Taifune, die uns des öfteren zu Unterbrechungen unserer Arbeit in Hongkong nötigten und uns zur sofortigen Rückkehr in unser Hotel in Kowloon zwangen. Damals gab es den Tunnel noch nicht, der die Insel mit Kowloon verbindet. Hier verlief die Grenze zwischen dem englischen Protektorat und dem damals, in den Jahren des Vietnamkrieges, unzugänglichen kommunistischen China.
Ein weiterer Grund dafür, dass diese erste Reise in unerfreulicher Erinnerung blieb, war der Umstand, dass wir auf dem Rückflug nach Italien einige volle Filmkassetten verloren, wodurch wir uns genötigt sahen, einige Szenen in Rom zu rekonstruieren und neu aufzunehmen.
Es war April, und in Hong Kong war es diesmal klimatisch wunderbar. Außerdem war der Tunnel fertig gestellt, der die Insel mit der Halbinsel Kowloon verbindet! Die Vormittagsstunden verstrichen mit diversen, überaus angenehmen Besichtigungen der Insel. Gegen Mittag allerdings fragte ich unseren Begleiter mehrfach, ob es nicht an der Zeit wäre, nach Kowloon zurückzukehren, damit wir nicht zu spät zur Verabredung kämen: "no problem", gab er mir jedesmal zur Antwort. Wie befürchtet, trafen wir am verabredeten Ort mit einer halben Stunde Verspätung ein. Bruce Lee hatte 20 Minuten auf uns gewartet, danach war er, zu Recht verärgert, gegangen! Sicherlich kein guter Anfang, wenn auch die Verspätung nicht unsere Schuld war: In seinen Augen musste es so erscheinen.
Auf ein erneutes Treffen mussten wir zwei bis drei Tage warten.

Sir Run Run ShawEine Gelegenheit, um die Studios der "Shaw Brothers" zu besuchen. Hier drehte man vor denselben Filmkulissen und mit denselben Schauspielern gleichzeitig mehrere Filme: eine förmliche industrielle Massenproduktion, weit entfernt von der unseren. Bewundernswürdig die Akteure, die von einer Szene in die nächste wechselten, von einem Film zum anderen, von einer Filmfigur zur nächsten, ohne den Überblick zu verlieren! Auf dem Set machten wir auch Bekanntschaft mit jenem Schauspieler, der in Italien den größten Erfolg hatte (und dessen Name mir entfallen ist) [Lo Lieh]. Er signalisierte großes Interesse, in unserem Film zu spielen, ohne Bedingungen zu nennen. Unser Ziel war freilich ein anderes. Wenn auch Run Run Shaw diesen Schauspieler gern als Darsteller gesehen hätte, unterließ er es aus Gründen der Höflichkeit, ihn uns aufzudrängen.
Bei unserem Rundgang, der uns durch die verschiedenen Filmkulissen führte, wurden wir auch von zwei Stars eingeladen (zwei anmutige Mädchen übrigens), sie zur Premiere eines Films zu begleiten, in dem sie mitgespielt hatten. Diese fand am Abend unseres Besuches in der Filmfabrik statt. [??? Maggie Lee Lam Lam in 'The Private Eye' / Premiere: Donnerstag 12.04.73]
Wir machten ein wahres Bad in der Menge, mehr als 5.000 Personen warteten vor dem Kino auf die Ankunft der Diven. Es war unglaublich und unerwartet: Die Schauspielerin, die sich von Tonino Cervi begleiten ließ, war die Hauptdarstellerin. Mein Freund sah sich einem Blitzlichtgewitter ausgesetzt, Arm in Arm mit dem Mädchen, daneben ihre Mutter, am Eingang der Halle und von vielen Leibwächtern umgeben. Meine Begleiterin war weniger bekannt und daher auch der allgemeinen Aufmerksamkeit weniger ausgesetzt. Ihr Gesicht, zart wie Porzellan, offenbarte keinerlei Anzeichen von Neid; allerdings sind die Gefühle einer Orientalin bekanntlich nicht leicht zu deuten.

Endlich das Treffen mit Bruce Lee in einem Büro seines Managers, einem Raum mit wenig Licht (ich kann mich an keine Fester erinnern) und mit dem ohrenbetäubenden Lärm einer alten Klimaanlage. Bruce Lee and Golden Harvest President Raymond Chow / April 1973.Diesmal waren wir zuerst da. Wir setzten uns auf einen Diwan, und wenige Minuten später kam Bruce: Er ließ mir nicht einmal die Zeit aufzustehen, um ihn zu begrüßen. Irgend jemand wies zu mir hin, und er ging sofort auf mich zu. Mit einem Lächeln, das mir recht dreist schien, fragte er:
"are you the director?"
Ich gab ein schüchternes "yes" zur Antwort.
Ich reichte ihm die Hand, die er drückte, dann zog er sein T-Shirt hoch, legte sie auf seinen Magen und forderte mich auf, mit meinem Finger seinen gestählten Waschbrettbauch abzutasten.
Ich begann mich über seine Fähigkeiten in Bezug auf Kraft und Präzision zu informieren, über seine Fertigkeit, blitzschnell tödliche Schläge auszuteilen, noch ehe sich sein Gegner einer Gefahr bewusst war.
Er öffnete die Tür des Büros und sagte:
"Wenn du willst, klemme ich ein Geldstück in den oberen Türwinkel, und mit einem gezielten Sprung zerbreche ich es mit meinem Fuß in zwei Teile."
Ich wagte nicht an seiner Behauptung zu zweifeln. Mein Gegenüber schien mir eine Persönlichkeit zu sein, die sehr viel Ähnlichkeit mit Cassius Clay, oder, besser gesagt, mit Mohamed Alí hatte: dieselbe Dreistigkeit und derselbe ironische Charakterzug.
Lange Zeit hatte er in Los Angeles gelebt, war Kampfsportlehrer von Steve McQueen gewesen, dem höchstbezahltesten und berühmtesten Schauspieler jener Jahre, bevor er nach Hong Kong zurückgekehrt war und dort Erfolg beim Film hatte: Erfolg und Bekanntheit, die ich nun unmittelbar miterleben konnte.

Wir begaben uns bald darauf mit dem Rolls in ein luxuriöses Hotel (ich glaube, es war das Hilton), wo uns im Restaurant des Penthouses Run Run Shaw zu einem Arbeitsfrühstück erwartete.
Vor dem Hotel wurde Bruce sogleich von einer Gruppe chinesischer Mädchen erkannt, die ihn mit Bitten nach Küssen und Autogrammen überhäuften: Binnen weniger Minuten zählte die Gruppe eine Hundertschaft, und es war den Sicherheitskräften des Hilton zu verdanken, dass wir ins Hotel gelangen konnten.
Bruce Lee war Vegetarier und trank keinen Alkohol, während Tonino und ich nach vielen Tagen erlesener und fabelhafter chinesischer Küche alle Mühe hatten, auf der Panoramaterrasse des Hotels den gleichfalls exquisiten westlichen Spezialitäten zu widerstehen.
Run Run Shaw war sehr zuvorkommend und leutselig mit seinem Gast, der seinerseits großes Interesse an unserer Filmstory zeigte, und vor allem an der Möglichkeit, dass dieser Film durch Ponti auch in den U.S.A. vertrieben werden könnte.
Selbstverständlich wurde nicht über Geld gesprochen, man verschob die Besprechung der wirtschaftlichen Belange, für die sein Rechtsanwalt zuständig war, auf den folgenden Sonntag, da wir unseren Heimflug nicht weiter aufschieben konnten.
In Anbetracht der Notwendigkeit, den Festtag zu nützen, hätte es Run Run Shaw gern gesehen, wenn das Treffen in einem seiner Büros oder in seiner Villa festgesetzt worden wäre, doch Bruce zog es vor, in der Villa seines Rechtsanwaltes zusammenzukommen.


Am Abend dieses Tages lud unser zuvorkommender Gastgeber Run Run Shaw uns in seine wunderschöne Villa, die über der Bucht von Hong Kong thronte, zu einem wahrhaft erlesenen Abendessen ein, das in silbernen Bechern und Tellern serviert wurde. Auch eine bezaubernde Tochter und andere feine Gäste und schöne Frauen nahmen daran teil.
Ich muss gestehen, dass ich angesichts der kostbaren Teller und Bestecke beim Essen noch ungeschickter mit den chinesischen Stäbchen hantierte, als dies aufgrund des wenig vertrauten Umgangs damit ohnedies der Fall war; aber am Ende hatte ich alles doch recht gut im Griff.
Nach dem Abendessen legte Run Run Shaw Tonino nahe, Bruce Lee für die Beteiligung am Film nicht mehr als 200.000 Dollar anzubieten. Er hielt dieses Angebot für mehr als zufriedenstellend, sodass es der Schauspieler seiner Meinung nach nicht ablehnen konnte. Überdies verdanke er ihm die ersten Kinoarbeiten, auch wenn er zur Zeit dem Team eines anderen Produzenten angehöre.
Tonino kehrte ins Hotel zurück und übermittelte Ponti am Telefon den Stand der Unterhandlung (in Italien war es 16 Uhr nachmittags), und unser Produzent ermächtigte ihn, bis maximal 500.000 Dollar zu bieten (zu jener Zeit lag der Wechselkurs des Dollars bei 600 Lire). Er hätte Informationen aus Los Angeles vom wachsenden internationalen Erfolg des Schauspielers erhalten, im besonderen auf dem amerikanischen Markt.


Bruce lotste uns gemeinsam mit seinem Manager zur Villa seines Rechtsanwalts, die sich in einer Bucht außerhalb von Hong Kong in den New Territories befand. [Lo and Lo law firm]
Er war sehr lustig und witzig. Run Run Shaw folgte uns in seiner feuerroten Limousine.
Bruce´s Rechtsanwalt hatte ein sehr blasses und pausbackiges Gesicht: Er war praktisch ein Doppelgänger von Peter Lorre. Für einen Augenblick fühlte ich mich in einen dieser wunderschönen Schwarzweißfilme der vierziger Jahre versetzt. Er war freundlich und sprach ein sehr langsames Englisch: er redete über Steve McQueen und verglich das Potential seines Klienten mit jenem des amerikanischen Schauspielerstars. Er bemerkte auch, dass es Bruce´s Bestreben sei, ihm nachzueifern, und letztendlich formulierte er die Forderung für seinen Klienten: 2 Millionen Dollar!
Dasselbe Gehalt, das der amerikanische Star jener Jahre bezog.
Run Run Shaw sagte kein Wort, Tonino verstand wegen des ungewöhnlichen Akzents des Rechtsanwalts nicht gleich die Höhe des Betrages (er glaubte, es handle sich um hunderttausend Dollar) und zeigte eine gewisse Erleichterung. Vielleicht konnte man den Film mit Bruce zu einem niedrigeren Preis machen als erwartet!
Ich flüsterte ihm in italienischer Sprache zu, dass er falsch verstanden hätte, und dass die geforderte Summe zwei Millionen Dollar wäre.
Es folgte ein Augenblick des Schweigens und der Verlegenheit, der Rechtsanwalt fixierte uns weiterhin mit seinen listigen Augen. Bruce nahm meinen Arm und führte mich lächelnd hinaus, um mir das herrliche Panorama dieser Gegend zu zeigen, und er wies mich auf die kurze Distanz zum China Mao Tse-tungs hin: Wir beide mussten nicht über wirtschaftliche Probleme sprechen.
Später erfuhr ich, dass Tonino 500.000 Dollar geboten hatte und sich nach der Ablehnung von 'Peter Lorre' eine endgültige Antwort bis zur Unterredung mit Ponti nach der Rückkehr nach Italien vorbehalten hatte.
Run Run Shaw betrachtete die Forderung als übertrieben, er schien mir sehr verärgert, ja geradezu beleidigt wegen der Ablehnung des Offerts von 500.000 Dollar von Seiten des Anwalts. Dennoch machte er diesbezüglich keine Bemerkungen.

Als er uns bei der Abfahrt verabschiedete, bat er, seinen Freund Carlo grüßen zu lassen und überließ uns die freie Entscheidung, ein weiteres Angebot von Italien aus zu formulieren.
Es kam zu keinem Einvernehmen, und der Film wurde nicht gemacht.

Ich war überrascht, als ich drei Jahre später in Los Angeles viele Jugendliche in T-Shirts sah, auf denen das Porträt Bruce Lee´s aus einigen seiner bekanntesten Filme abgebildet war.
Er war bereits zum Mythos auf der ganzen Welt geworden, vor allem in der Welt der Lichtspielhäuser.
Wahrscheinlich wäre es seinerzeit besser gewesen, ein Einvernehmen für diesen Film zu erzielen, dachte ich, aber nun war es zu spät.

< G.B.: An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei Sergio Martino bedanken, der mir seine fesselnde Geschichte zur Verfügung gestellt hat! Alles Gute und weiterhin viel Erfolg! >